COVIDiary: Simone

„Plötzlich hat sich das Leben nur noch in den eigenen vier Wänden abgespielt.“

Juni 2020

Mein Name ist Simone. Ich bin 28 Jahre alt, komme ursprünglich aus dem Rheinland, und wohne seit acht Jahren in Bamberg. Ich habe hier Latein und Deutsch studiert und das gerade abgeschlossen mit dem ersten Staatsexamen. Zu dem Zeitpunkt, als das alles mit dem Lockdown anfing im März, war ich in der Staatsexamensvorbereitung. Deswegen habe ich wochenlang die Bibliothek besucht – jeden Tag von früh bis spät.

Plötzlich haben die Bibliotheken zugemacht. Für mich war das ein ganz krasser Einschnitt: Erstens, weil mein Arbeitsalltag in der Bibliothek bestand. Und zweitens, weil ich einfach keinen Zugang mehr zur Literatur hatte. Vor allem in Latein ist es so, dass ich Zugriff zu Lexika und zu Kommentaren brauche. Das ist nicht in allen Fällen ausleihbar und nur vor Ort einsehbar. Plötzlich hat sich das Leben nur noch in den eigenen vier Wänden abgespielt.  Dann kam die Nachricht, dass die Staatsexamensprüfungen auf unbestimmte Zeitverschoben werden. Ich habe dann das Zeitgefühl etwas verloren. Drei Wochen vor dem neuen Prüfungstermin wurde ich per Mail von der Uni informiert.  Die Bibliotheken waren aber immer noch zu. Ich lernte zuhause in meiner Wohngemeinschaft. Die Bücher, die ich brauchte, hatte ich dann nach wie vor nicht, aber ich musste es irgendwie deichseln.

Ich finde es sehr unheimlich, dass man durch den Coronavirus seinen Geschmackssinn verlieren kann. Vielleicht ist das ja naiv, dass ich mir weniger Sorgen um das Corona-Virus mache. Aber es hieß ja immer in der Berichterstattung, dass es für junge Leute eher ungefährlich sei. Ich hätte eher Angst, andere anzustecken. Ab dem Zeitpunkt, an dem der Lockdown begann, war uns in der WG allen individuell klar, wir sind acht Personen, dass wir uns an die Vorgaben halten. Also keine Personen außerhalb treffen. Dass wir jetzt nur noch uns sehen. Wir haben immer füreinander gekocht – und das abwechselnd.

Später, als der Lockdown wieder gelockert wurde, wollte ich mich einfach wieder draußen mit mehreren Leuten treffen. Gerade, als ich dann mit dem Examen fertig war, dachte ich mir, jetzt könne so langsam wieder das kulturelle Leben starten. Und nicht die ganze Zeit das Gefühl zu haben – ich finde, das trägt man schon noch so mit, wenn man irgendwas macht –, dass man vorsichtig sein muss. Und mal wieder ausgelassen sein zu können, das vermisse ich. Jetzt gerade, nach dem Examen, würde ich gerne nochmal unbeschwert verreisen. Nochmal einfach rauskommen, bevor das Berufsleben startet.


English translation:

„Suddenly, life only took place within your own four walls.“

June 2020

My name is Simone. I am 28 years old, originally from the Rhineland, and have been living in Bamberg for eight years. I studied Latin and German here and I just graduated with the first state examination. By the time it all started with the lockdown in March, I was in the state exam preparation. I visited the library for weeks – every day from early to late.

Suddenly the libraries closed. For me, it was a very sharp cut: First, because I had to work in the library every day. Second, because I simply had no access to literature. Especially in Latin, I need access to lexicons and comments. This cannot be borrowed in all cases and can only be viewed on site. Suddenly life only took place in your own four walls. Then the news came up that the state exams will be postponed indefinitely. Then I lost my sense of time. Three weeks before the new exam date, I was informed by email from the university. But the libraries were still closed. I studied at home in my shared apartment. I still didn’t have the books I needed, but I had to work things out somehow.

I find it very scary that you can lose your sense of taste through the corona virus. Maybe it’s naive that I’m less worried about the corona virus. But the news coverage always said that it was rather safe for young people. I would be more afraid to infect others. From the moment the lockdown began, it was clear to everyone in our living community, we are eight persons, that we were sticking to the guidelines. So don’t meet anyone outside. That we only see each other now. And then we were in this here together. We always cooked for one another – and alternately.
Later, when the lockdown was eased, I just wanted to meet with people again. That was just after I finished this exam. I thought that cultural life could slowly start again. And not having the feeling all the time – I think you carry it with you when you do something – that you have to be careful. I wanted to be left out again and feeling frisky, I miss that. Right now, after the exam, I would like to travel again carefree. Just come out again before your professional life starts.