COVIDiary: Jan

„Das ist wie ein Lotto-Spiel, was wir erleben.“

Mai 2020

Mein Name ist Jan, werde im Sommer 38 Jahre alt, und komme aus Frankfurt (Oder). Ich arbeite bei einem Bundestagsabgeordneten, betreibe das Wahlkreisbüro, und bin hier auch Stadtverordneter.

Die Pandemie hat meine politische Arbeit verändert. Auf kommunaler Ebene finden zurzeit weniger Sitzungen statt. Gestern gab es die zweite Stadtverordnetenversammlung seit Beginn der Corona-Krise. Es zeichnet sich mehr und mehr ab, wie hart Corona die Kommunen trifft. In den zurückliegenden Wochen und Monaten habe ich mit Betrieben, Einzelhändlern, Solo-Selbstständigen zu tun gehabt. Mir deren Probleme angehört und versucht auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene Hilfestellung zu geben. Wie sich diese ganze Pandemie weiterentwickelt, muss man sich in den nächsten Monaten, oder vielleicht sogar Jahren, angucken.

Ich habe keine Angst vor dem Coronavirus, aber ich mache mir Sorgen um Freunde und Bekannte, die zur Risikogruppe gehören. Im Lockdown habe ich mich ein Stück weit abgeriegelt und isoliert gefühlt. Ich war zum Glück nicht von Kurzarbeit oder von Hartz IV betroffen. Ich habe am meisten meine sozialen Kontakte vermisst, außerhalb von Social Media und Chats. Das Miteinander, die Kalenderfülle und der Terminaufwuchs – das fehlt mir auch. Zurzeit habe ich nicht sieben bis zehn Termine am Tag, sondern nur ein paar wenige. Da muss man gucken, ab wann das wieder in Gänze möglich ist. Ob’s überhaupt nochmal so möglich sein wird. Weiß ja auch keiner so richtig. Wir probieren das ja gerade alles durch: Man verschärft den Lockdown, dann macht man Lockerungen. Dann muss man sich anschauen, steigen die Fallzahlen wieder? Oder bleiben sie so, wie sie sind? Das ist wie ein Lotto-Spiel, was wir erleben.

Die ersten Umweltereignisse, die mit dem Lockdown einher kamen, fand ich ziemlich spannend. Dass in Venedig das Wasser sauberer wird beispielsweise. Ich glaube, man kann diesen Lockdown für sich nutzen, um ein bisschen über sich selber nachzudenken, um zu reflektieren. Mir fehlt das kulturelle Leben, also Freitag- oder Samstagabend weggehen, sich in ein Theater setzen oder ein Konzert besuchen. Gerade Kulturschaffende sind diejenigen, die am Arsch sind – im wahrsten Sinne des Wortes.

 


English translation:

 

„It’s like a lottery game that we’re experiencing.“

May 2020

My name is Jan, will be 38 years old in the summer and I come from Frankfurt (Oder). I work for a parliamentarian of the Bundestag, I run his constituency office. I am also member of our local city council.
The pandemic has changed my political work. There are currently fewer meetings at the local level. Yesterday there was the second city council meeting since the beginning of the Corona crisis. It’s becoming increasingly clear how hard Corona hits municipalities. In the past weeks and months I have been dealing with companies, retailers, solo self-employed. I listened to their problems and tried to provide help at the federal, state and local levels. How this whole pandemic will develop has to be seen in the next few months, or maybe even years.
I am not afraid of the corona virus, but I am concerned about friends and acquaintances who belong to the risk group. In the lockdown, I felt locked away and isolated. Fortunately, I was not affected by reduced working hours or Hartz IV. I missed the most my social contacts outside of social media and chats. Togetherness, the abundance of calendars and the increase in appointments – I miss that, too. At the moment, I don’t have seven to ten appointments a day, but only a few. You have to see when this is fully possible again. Whether it will ever be possible again. Nobody really knows. We’re just trying everything out: you tighten the lockdown, then you loosen it. Then you have to look at it, are the number of cases increasing again? Or do they stay the way they are? It’s like a lottery game that we’re experiencing.
I think the first environmental events that came with the lockdown to be quite exciting. For example, that the water in Venice is getting cleaner. I think you can use this lockdown to think a little bit about yourself, to reflect. I miss cultural life, to go away on Friday or Saturday evening, to sit in a theater or attend a concert. Those who create culture are those who are fucked – in the truest sense of the word.