COVIDiary: Benjamin

„Die Arbeitszeit wurde heruntergestuft – bis ich vergangene Woche gekündigt wurde.“

Mai 2020

Benjamin ist mein Name, 33 Jahre jung, wohnhaft in Berlin und gebürtig aus Frankfurt an der Oder. Am Anfang war in einer Art Panikmodus. Ich dachte an verschiedene Szenarien, wie heftig diese Krise werden könnte. Ich machte mir mehr Sorgen um einen wirtschaftlichen Kollaps, als um einen des Gesundheitssystems.

In meinem Unternehmen wurde die Kurzarbeit angekurbelt. Das heißt, die Arbeitszeit wurde heruntergestuft – bis ich vergangene Woche gekündigt wurde. Wir hatten in der Firma eine Kollegin, die aus Norditalien zuarbeitete. Das bedeutete für unser Reisebüro, dass wir einen Blick in die Glaskugel werfen konnten. Bevor in Deutschland über Anti-Corona-Maßnahmen diskutiert wurde, hatte sie uns berichtet, wie erste Maßnahmen in Norditalien anliefen. Meine Kollegen und ich sahen, was da auf Deutschland zukommen könnte. Aber unsere Geschäftsführung wollte das nicht wahrhaben. Wir wurden angewiesen, insbesondere Italien-Reisen weiter zu verkaufen und durchzuziehen. Obwohl der Lockdown in Italien bereits begann. Man könne es den Gästen selbst überlassen, ob sie die Reise im Endeffekt antreten oder nicht, argumentierte die Geschäftsführung.

Ich habe nicht wirklich Angst vor dem Virus. Ich nehme die Warnungen der Virologen ernst, weil ich bin bei dem Thema nicht vom Fach. Und selbst die Virologen wissen nicht, welche Auswirkungen das Virus noch haben könnte. Also bin ich vorsichtig und halte mich so gut es geht an alle Regeln.

Ich hab das Gefühl, man ist immer mit einem schlechten Gewissen unterwegs – wie eine Gratwanderung am Rande der Legalität. Selbst, wenn man sich zu zweit in einem Park trifft. Ich vermisse die Losgelöstheit und die Normalität, sich zu treffen, die Familie zu sehen. Es ist gerade Frühling und geht auf den Sommer zu: Ab und zu mal ein Besuch im Kino oder Restaurant, einfach die genussvollen Momente des Alltags, das fehlt mir schon.

Weniger Zeit im Stadtlärm, weniger Hin und Her, die Home Office-Regelung:  Die Reduzierung der Komplexität meines Alltags war dann sehr angenehm. Es hat auch meiner Beziehung geholfen. Aufgrund der Kurzarbeit hatte ich mehr Zeit, Hobbys nachzugehen. Zum Beispiel dem Schneiden meiner Reisevideos. In den Jahren zuvor hatte ich beruflich und privat viel Videomaterial gesammelt. Wenn diese Bedrohungslage vorbei ist, würden bei mir Konzertbesuche wieder ganz oben auf der Agenda stehen. Wie gesagt, die angenehmen Momente des Alltags wieder genießen.


English translation

„Working hours were downgraded – until I was fired last week.“

Mai 2020

Benjamin is my name, 33 years old, living in Berlin and born in Frankfurt an der Oder. In the beginning, I was in a kind of panic mode. I worried about the economic collapse more than about our health system.

Short-time working was stimulated in my company. In other words: working hours were downgraded until I was fired last week. We had a colleague who worked from northern Italy. For our travel agency. Thus, we could take a look into the crystal ball. Before discussing anti-corona measures in Germany, she had told us how the first measures had started in northern Italy. My colleagues and I saw what could happen. But our management didn’t want to acknowledge. We were instructed to continue selling, especially with trips to Italy. Although lockdown in Italy already started.  In the end, it’s up to the guests themselves, whether they go on their holiday trip later or not, the management argued.

I’m not really afraid of the virus. I take the warnings of virologists seriously, because I am not a professional on this subject. And even the virologists don’t know what effects the virus could have. So I’m careful and stick to the rules as best as I can.

I have the feeling that you always move with a guilty conscience – like walking a tightrope on the edge of legality. Even if you meet in pairs in a park. I miss the detachment and the normality to meet, to see my family. It is spring right now and heading for summer: a visit to the cinema or restaurant every now and then, simply the enjoyable moments of everyday life, I miss that.

Less time in city noise, less back and forth, the home office rule: reducing the complexity of my everyday life was very pleasant. It also helped my relationship. Because of the short-time work, I had more time to pursue hobbies. For example, cutting my travel videos. In the previous years I had collected a lot of video material professionally and privately. When this threat is over, going to a concert would be high on my agenda again. As I said, enjoy the pleasant moments of everyday life again.