„Italien? Italien!“

Der unbekannte Schuhmacher von Olevano Romano, 2014. Foto: Ulrich Weichert ©
Der unbekannte Schuhmacher von Olevano Romano, 2014. Foto: Ulrich Weichert ©

Das Historische Museum Bamberg zeigt Aufnahmen von Ulrich Weicherts Italienreisen. Der 1949 in Tübingen geborene Fotograf hält Menschen in ihren sozialen Kontexten fest – teils offen, teils verdeckt –, getarnt als situativer Schnappschuss oder als vorbereitete Komposition. Eines wird bei der Exposition „Italien! Italien? Italien.“ schnell deutlich: Das südeuropäische Land ist für Weichert eine Herzensangelegenheit. Das Historische Museum Bamberg zeigt Aufnahmen von Ulrich Weicherts Italienreisen. Der 1949 in Tübingen geborene Fotograf hält Menschen in ihren sozialen Kontexten fest – teils offen, teils verdeckt –, getarnt als situativer Schnappschuss oder als vorbereitete Komposition. Eines wird bei der Exposition „Italien! Italien? Italien.“ schnell deutlich: Das südeuropäische Land ist für Weichert eine Herzensangelegenheit. Ein offenes Fenster, jemand hantiert mit einem Werkzeug – es ist die Werkstatt eines italienischen Schuhmachers. Der verheiratete Mann mit den kräftigen Händen, der gerade mit einem Randmesser Schuhwerk bearbeitet, blickt auf. Klick. Fotograf Ulrich Weichert betätigt wieder den Auslöser. Mit seiner Kamera steht der Deutsche 2014 in einer italienischen Calle, eine halbe Autostunde vor Rom, und fotografiert seinen unbekannten Schuster von Olevano Romano – eine fast schon allegorische Aufnahme eines immer seltener werdenden Berufes. Die Bilder seiner italienischen Expeditionen starten um die Jahrtausendwende. Damals machte Weichert sich in die knapp dreitausend Seelen zählende Gemeinde Altidona auf, die an der mittelitalienischen Ostküste liegt. Das kleine Dorf hat der Rheinländer zwischen 2001 und 2003 mehrmals aufgesucht. Altidona bildet innerhalb seiner Bamberger Werksschau das erste und älteste Element. Sein Vorhaben: Mehr als nur die Dokumentation einer Reise anzufertigen.

Porträt eines Dorfes

Der in Nordrhein-Westphalen gelernte Lichtbildner arbeitet am Porträt des ganzen Dorfes. In 12 Aufnahmen berichtet der damals Anfang 50-Jährige von der Lebenswelt der Einwohner nahe der Adriaküste. Weichert fotografiert den Bürgermeister der Gemeinde, der bei Kaffee und täglicher Zeitungslektüre allein in einer Cafeteria sitzt. In einer anderen Aufnahme stellt er zwei Metzger vor, die auch Angehörige einer italienischen Rockband sein können. Ein ungewöhnliches Priesterporträt sowie ein italienischer Polizist der Gemeinde fehlen in der soziologischen Auseinandersetzung, die starke Bezüge zu dem rheinischen Fotograf August Sanders andeutet, ebenfalls nicht.

Zwei Metzger in Altidona, 2002, Foto: Ulrich Weichert ©
Zwei Metzger in Altidona, 2002, Foto: Ulrich Weichert ©

Die meisten Personen bleiben auf seinen Bildern namenlos, bei Wenigen zeugen Vornamen von einer persönlichen Begegnung, die über einen zügigen Schnappschuss hinausgeht. Nichtsdestotrotz nähert sich Weichert seinen Motiven oft mit soziologischem Gespür und gewinnt so das Vertrauen der Personen, die er porträtieren möchte. Je nach Werkskomplex verbleibt der Beobachter Weichert auch körperlos sowie den Augenblick ungefragt stehlend. Obwohl seine Italienischkenntnisse nicht besonders gut seien – wie aus einem Interview mit dem Direktor der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo hervorging – in der Weicherts Werke ausgestellt wurden –, gewinnt er erstaunlich private Einblicke in das Leben der Dorfbewohner Altidonas.

Das liebevoll Alltägliche

Das Projekt Altidona, das mit insgesamt zwölf analogen Schwarz-Weißaufnahmen visualisiert wird, bildet nur einen Teil der sechs Räume umfassenden Ausstellung. Das Historische Museum in der Alten Hofhaltung zeigt rund 60 Bilder der Italienreisen. Weichert, Photokina-Preisträger von 1980, verfolgt keine stereotype Bildsprache von „la dolce Vita“, sondern macht einen Blickwinkel auf das liebevoll Alltägliche sichtbar. Neben dem konzeptionell sehr starken Fokus in Altidona (2001 bis 2003) sind weitere Stationen Weicherts präsentiert – welche eher innerhalb der Traditionslinie der Straßenfotografie zu verorten sind. Hier fällt vor allem die eingangs besprochene Aufnahme aus dem römischen Vorort Olevano Romano (2014) auf, ferner staunen Ausstellungsgäste über Finale Ligure (1998), Venedig (2012), Palestrina und Rom (2009 und 2014). Mit in etwa 20 Aufnahmen bildet Rom den am prominentesten in Szene gesetzten Werkskomplex. Die hier auffälligen, allesamt schwarz-weißen, Digitalfotografien zeigen schnappschussartige Szenen an öffentlichen Plätzen. Im Zentrum stehen jedoch nicht die römischen Sehenswürdigkeiten – sie werden fast beiläufig herausgearbeitet –, sondern die dort interagierenden Personen. Ein vieldeutiger Blick an einem Nachbartisch in einem vollbesetzten Café, den Weichert sich nicht nehmen lässt. Oder die während einer Busfahrt treffsicher festgehaltenen Gesichter vor Touristeninformationen und Bushaltestellen. Mehrheitlich entweder um den Januar oder um den Juni des jeweiligen Jahres entstanden, verdichtet es zusätzlich den Eindruck, dass es sich für Weichert um Urlaubs- und Erholungsreisen handelte.

Humor an der Käsetheke

Eine gewisse Prise Humor des Fotografen tritt spätestens in Rom zutage: Zum Beispiel lädt ein leicht grimmig wirkendes Mädchen zum Schmunzeln ein, das auf den Schultern ihres beleibten Papas thront und sich einen Überblick in der Fußgängerzone verschafft. Um Orientierung ringende asiatische Touristen wirken vor einer Bushaltestelle geradezu hilflos. Oder eine Szene an einem Käsestand, die Weichert gesehen hat: Hier sucht eine Frau das passende Wechselgeld aus ihrer Kasse, daneben lehnt die Tochter auf der Käsetheke und tätigt ein Telefongespräch mit – man kann es nur erahnen –nachdenklichem, ja geradezu empathischen Blick.

An einer Käsetheke in Rom, 2014, Foto: Ulrich Weichert ©
An einer Käsetheke in Rom, 2014, Foto: Ulrich Weichert ©

Viele Einzelszenen stehen bemerkenswert für sich, sie wirken nicht nur wegen dem Schwarzweiß kontrastreich. Weichert versucht kontraststarke Szenen in der Öffentlichkeit zu visualisieren: Junge italienische Damen flanieren neben älteren Ordensschwestern die Straße entlang. Er fängt in einer abendlichen Straßenszene Venezianer völlig isoliert von – den das Stadtbild sonst sehr stark prägenden – Touristenströmen ein. Eine nicht zu unterschätzende fotografische Schwierigkeit in Venedig, die der bis 2013 als Leiter der Bildredaktion im Bundespresseamt tätige Weichert vortrefflich löst. Fazit: Mit der Exposition „Italien! Italien? Italien.“ zeigt das Historische Museum Bamberg eine dokumentarische Hommage eines bekennenden Italienliebhabers sowie profunden Fotografen. „Italien! Italien? Italien.“ Sonderausstellung im Historischen Museum Bamberg, zu sehen vom 25. April bis 01. November 2015, in der Alten Hofhaltung, am Domplatz 7 in 96049 Bamberg. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 9 bis 17 Uhr. Eintritt nach den Tarifen des Historischen Museums. Erschienen auf GoBamberg.de am 01.07.2015.

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