Der Hochstapler von Kleinvenedig (Bamberg, 2015)

Steinskulpturen sind seine Spezialität: Johannes Haußner.
Steinskulpturen sind seine Spezialität: Johannes Haußner.

(Erschienen am 21. Juni auf GoBamberg.de, zuletzt abgerufen: 23.06.2015)

Wer an Sommertagen in Bamberg den Blick Richtung Regnitzufer nahe dem Leinritt schweifen lässt, dem wird Johannes Haußner, 29, eventuell schon aufgefallen sein. Der zugezogene Künstler, Theaterschaffende und Zeichner baut seit einem Jahr immer wieder auffällige Steinfiguren ans Ufer, die nicht nur Anwohnerinnen und Anwohner, Eltern und Kindern, Studierende und Touristen zum Verweilen einladen. Ein Interview mit der Person hinter dem Zen-Garten an der Regnitz.

Johannes, was machst Du hier?

Ich stelle Steine aufeinander.

Sieht sehr eindrucksvoll aus. Wie lange baust Du an so einem Gebilde?

Ist ganz schwer zu sagen. Es hängt viel vom Wind und von meiner Tagesfassung ab. Das ist unterschiedlich und kann ein paar Minuten bis über eine Stunde pro Skulptur dauern. Bis es halt hält.

Wie lange betreibst Du die „feinste Hochstapelei“ schon?

Vor einem Jahr habe ich angefangen das hier regelmäßig zu machen. Über den Winter habe ich aber eine Pause eingelegt. Es hat halt klein angefangen: Es kamen Leute und haben Fotos gemacht und irgendwann gefragt, ob sie mir dafür etwas spenden dürfen. Und ich meinte, ja klar, warum nicht. Und irgendwann habe ich dann eine kleine Mütze aufgestellt. Und das funktioniert gut und deswegen geht’s auch so weiter mit der Stapelei. Ich bekomme auch viel positives Feedback von den Anwohnern hier.

„Feinste Hochstapelei“ am Ufer der Regnitz nahe der historischen Altstadt Bambergs.

Und Deine Steinfiguren halten gänzlich ohne Leim oder Zusätze?

Also Geduld braucht es schon, ruhige Hände, und vor allem Willen. Wenn Leute fragen, warum hält das denn so, dann sage ich ganz gerne: Weil ich es so will.

Aber Wind und Wetter machen Dir doch bestimmt auch manchmal einen Strich durch die Rechnung, oder?

Ja das stimmt. Wind, Wetter und Vandalismus, das sind meine drei Feinde – zu gleichen Teilen ungefähr. Wobei ich sagen muss, mit dem Vandalismus wird es besser. In der Vergangenheit gab es sehr oft das Phänomen, dass am nächsten Tag alle meine Steinfiguren umgestürzt im Flussbett lagen und ich von vorne angefangen habe mit dem Aufbau. Doch mittlerweile gibt es auch positiven Vandalismus: Das heißt, dass über Nacht Leute einfach kleinere Steinfiguren wieder hochstapeln. Ich dachte anfangs noch, dass die Anwohner genervt reagieren würden, wenn zum Beispiel nachts die Steine umkippen oder umgekippt werden, aber ganz im Gegenteil: Manche Anwohner kommen eher abends raus, wenn ich nicht da bin, und schimpfen mit den Vandalen, die es nachts manchmal einschmeißen.

Wie war das am Anfang mit den Anwohnern, als Du angefangen hast voriges Jahr Steine hoch zu stapeln?

Es war großartig. Gerade manche Hausbewohner vom Ufer gegenüber mit ihren privaten Stegen kamen nach und nach öfter mal gucken und meinten, sie hätten das jetzt schon tagelang gesehen, was ich hier am Ufer mache, und wollten sich die Steinfiguren mal aus der Nähe anschauen.

Was verfolgst Du für ein Anliegen mit Deiner „feinsten Hochstapelei“, wie es auf dem Schild neben Deinem Spendenhut geschrieben steht?

Für mich ist es ein Zen-Garten. Es ist eine quasi sinnlose Arbeit. Aber deswegen finde ich sie auch so schön: Weil sie sinnlos sowie zerbrechlich ist und im engeren Sinne überhaupt keinen Zweck erfüllt. Abgesehen davon, dass es schön ist. Das ist halt ein künstlerisches Moment. Hätte es einen Zweck, wäre es Desgin.

Was motiviert Dich die Steine immer wieder aufzubauen?

Naja das ist die einzige Regel an dem Spiel: Nicht aufgeben. Wenn ich irgendwann damit aufhöre – das steht für mich metaphorisch für alle Projekte, mit denen ich mich beschäftige –, ist es eigentlich zwecklos gewesen. Vieles ist nicht mehr als nur selbstdienlicher Ausdruck. Aber was motiviert mich, das hier immer wieder weiter zu machen: Naja, es ist ja nie fertig. Der Fluss ernährt mich. Wenn ich irgendwann fertig bin, dann höre ich auch auf. Aber bis es fertig ist, muss ich es immer wieder aufstellen. Sisyphos – bis der Stein auf dem Hügel oben liegen bleibt. Ich glaube, ich hätte das geschafft (lacht).

Du meintest, der Fluss würde Dich ernähren. Wie meinst Du das?

Also ich kümmer mich um dieses Plätzchen hier, räume ständig den Müll der Leute weg. Dabei find ich manchmal nützliche Sachen – wie eine Flasche Bier, die jemand vergessen hat, das war dann mein Feierabendbier. Manchmal bringt mit eine Anwohnerin auch ein Käsebrötchen. Zum anderen natürlich auch das Geld, das in dem Hut landet. Ich werde davon natürlich nicht reich, aber ich bekomm dafür neben meinen anderen Tätigkeiten dafür einen kleinen Obolus.

Ein Gondoliere befördert zwei Gäste die Regnitz entlang der Steinskulpturen von Johannes Haußner.
Ein Gondoliere befördert zwei Gäste die Regnitz entlang der Steinskulpturen von Johannes Haußner.

Wie begegnen Dir die Menschen, die bei Deinen Steinkonstruktionen verweilen?

Oft kommen Eltern mit ihren Kindern vorbei. Kinder freuen sich über die Steinfiguren, aber vor allem versuchen sie sich auch daran. Kinder können da viel direkter sein als Erwachsene. Erwachsene kommen ganz selten auf die Idee, das hier nachzubauen. Kindern fällt so etwas viel leichter, sie sind schneller dran. Und sie sind auch viel geschickter als Erwachsene, weil sie nicht versuchen alles zu theoretisieren: Also sich weniger vorher zu überlegen, wie das funktioniert und wie da die Regeln wären, sondern einfach drauf los machen. Es ist ein intuitives Spiel, eigentlich gibt es da gar nicht viel zu wissen, es ist unmöglich zu berechnen, viel zu viele Variablen. Es muss aus den Fingern kommen.

Und wie reagieren die Erwachsenen?

Das, was es hauptsächlich bei den Erwachsenen auslöst, ist erstmal Verwirrung. Anfangs sehen manche Gesichter aus nach einem „Häh?“, diesem Moment geistiger Ratlosigkeit. Das zweite, was Erwachsene dann oft sehen, wenn sie näher kommen, ist das Schild mit dem Witz „feinste Hochstapelei“ darauf. Dann wird die Ratlosigkeit erstmal mit einem Lachen befüllt und dann verweilen viele Leute auch bei den Steinfiguren für einen Moment und erfreuen sich an meiner Sisyphos-Arbeit. Voriges Jahr hat mich einmal ein kleiner Junge gefragt, ob ich das beruflich mache. Und darauf meinte ich: Ja, ja, ich bin ein Hochstapler.

Wie wird man denn Hochstapler?

Üben, üben, üben. Und niemals aufgeben, das ist wichtig.

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